Leben und investieren im BrexitChaos – Bericht von der Insel

Bevor ich – frisch gestärkt und inspiriert durch den Urlaub – wieder selbst in die Tasten greife, freue ich mich euch heute den zweiten Gastartikel präsentieren zu können.

Auf meinen Blog-Aufruf vor einigen Wochen hatte sich auch Dominik gemeldet. Während der Brexit und die Folgen für Arbeitnehmer und Investoren in ganz Europa heiß diskutiert wird kann er einen Einblick direkt von der Insel geben den ich für sehr interessant halte. Wie lebt und arbeitet es sich zu diesen Zeiten in England? Wie ist die Stimmung unter den Arbeitskollegen? Wie spart man in England?

Ich habe ihn auch gebeten die Auswirkungen des Brexit-Chaos auf seine finanziellen Pläne und Entscheidungen zu beschreiben, was er auch gerne getan hat. Danke dafür!

Und damit jetzt , Bühne frei für Dominik:

Zu meinem Hintergrund und meiner Person

Mein Name ist Dominik, 33 Jahre alt und vor meinem Umzug habe ich in Köln gearbeitet und in Leverkusen gewohnt. Ich bin gelernter Industriekaufmann und arbeite bei einem global tätigen Hersteller von Spezialchemiekalien.

Mit dem Thema Aktien, Börse und allgemein dem Vermögensaufbau in eigener Hand setze ich mich seit ca. 3,5 Jahren auseinander (rückblickend leider viel zu spät). Dadurch, dass ich mich für die Börse und allgemein die Weltwirtschaft interessiere, habe ich mir in diesen knapp zwei Jahren Vieles auch von diesem Standpunkt aus näher angesehen. An diesen Erfahrungen möchte ich euch gerne teilhaben und hoffe, euch so einen kleinen Einblick geben zu können.

Seit mittlerweile knapp zwei Jahren wohne ich im Nordwesten Englands, genauer gesagt in Manchester. Ich wurde hier für voraussichtlich drei Jahre (habe also gut 2/3 meines Aufenthalts hinter mir) von meinem Arbeitgeber hingeschickt, um neue Kollegen einzuarbeiten und die Integration (wir haben ein anderes Unternehmen übernommen) voranzutreiben.

Der Brexit

Was in deutschen Medien täglich sehr viel diskutiert wird, ist hier mittlerweile vergleichsweise ein kleines Thema bei der Allgemeinheit. Natürlich liest man immer noch täglich darüber, aber die Berichterstattung ist durch die wiederholten Verschiebungen deutlich zurück gegangen. Vereinzelt starten die Einwohner Hamsterkäufe, aber auch nicht so, dass in den Supermärkten die Regale leer sind.

Ich habe das Glück, hier in einem Team aus vielen verschiedenen Nationen zu arbeiten, aber auch hier merke ich, dass die Diskussionen und Unterhaltungen zum Brexit deutlich zurück gegangen sind, vor allem weil nach wie vor niemand wirklich weiß, was die Konsequenzen sein werden, ob es einen harten Brexit geben wird oder ob sich die Parteien doch noch auf einen Deal einigen können, etc.

Die Infrastruktur auf der Insel

Ein Punkt, der mich sehr verwundert und ziemlich erschrocken hat, ist die veraltete Infrastruktur in vielen Dingen. Die Straßen sind übersäht mit Schlaglöchern, die nur temporär repariert werden und spätestens im nächsten Winter oder beim nächsten Regen wieder da sind und dann meist schlimmer als zuvor. Statt diese zu reparieren, wird gerne auch nur ein Pylon davor gestellt.

Viele Häuser und Wohnungen, in denen ich gewesen bin, sind ebenfalls sehr in die Jahre gekommen. Von außen sind die alten Backsteingebäude zwar schön anzusehen, aber sie sind eben alt und daher unfassbar schlecht isoliert. Im Winter fällt die Innentemperatur in der Wohnung meiner Partnerin und mir gerne mal auf 13 Grad. Wenn wir die Temperatur mittels Heizung – welche hier übrigens fast überall elektrisch ist – auf normale Zimmertemperatur gebracht haben, fällt diese nach kurzer Zeit gefühlt minütlich.

Bauboom(?)

Dagegen wird aber in gewisser Weise viel unternommen, denn an allen Ecken wird gebaut, gebaut, gebaut. Gerade im Stadtzentrum entstehen aktuell viele Hochhäuser, modern mit vielen Glaselementen. Die Skyline ist übersäht mit Kränen und so sehr ich auch ebenjene moderne Wolkenkratzer mag, so schade ist es doch um die alten Backsteingebäude, die dafür in den Hintergrund rücken oder gar komplett abgerissen werden.

Die Wohnungssituation ist hier ähnlich wie in Deutschland, die Mietpreise gehen kontinuierlich nach oben (Beispiele unter Punkt 5) und die Wohnungen, die neu gebaut werden, sind auch alle gehobener Standard.

Lokaler Bezug
Sehr positiver – im Hinblick auf die lokale Wirtschaft – ist mir aufgefallen, dass sehr häufig Unternehmen aus der Umgebung auf den Baustellen eingesetzt werden. So wird aktuell z.B. eine neue Metro-Linie vom Stadtzentrum zum Einkaufszentrum außerhalb der Stadt gebaut, diese verläuft teilweise exakt auf meinem alten Fußweg zur Arbeit. Hier konnte ich nicht nur feststellen, dass die Arbeiten schnell voran gingen, sondern auch die Firmennamen an den Baucontainern, Zäunen, etc. sehen. Nach kurzer Recherche kamen diese fast alles aus Manchester oder dem Umland.

Auch sonst fällt auf, dass die Menschen hier Wert legen auf Produkte aus Großbritannien, sei es Fleisch, Gemüse oder Bier.

Lebenshaltungskosten

Im Vorfeld wurde mir von meinem Arbeitgeber mitgeteilt, dass die Lebenserhaltungskosten auf ähnlichem Niveau wie in Deutschland sind, tendenziell sogar etwas niedriger. Das mag evtl. auf ganz Großbritannien zutreffen, kann ich von Manchester aber nicht behaupten. Unsere gemietete Wohnung kostet 650 Pfund kalt, bei ca. 60m² und einer Lage ziemlich außerhalb des Zentrums.

Bevor ich zu meiner Partnerin gezogen bin, habe ich in einer möblierten Wohnung in einem recht neuen Viertel gewohnt, die Wohnung dort hatte ca. 50m² und bezahlt habe ich 750 Pfund – ebenfalls kalt.

Ebenso habe ich den Eindruck, dass viele Lebensmittel deutlich teurer sind als in Deutschland bzw.bei günstigen Lebensmitteln hat man deutliche Einbußen bei der Qualität. Als Beispiel ist mir hier als erstes Hackfleisch aufgefallen, hier zahlt man durchschnittlich 25-30% mehr als in Deutschland.

Arbeitsleben

Was ich so in Deutschland in meinem Bekannten-, Freundes- und Kollegenkreis nie erlebt habe und von dem ich hier umso erschrockener war: Wirklich viele Menschen haben hier Probleme mit ihrem Gehalt auszukommen und denken/handeln nur von Zahltag zu Zahltag.

Es ist nicht ungewöhnlich,einen „Payday Loan“ aufzunehmen, das bedeutet man erhält einen sehr kurzlaufenden Kredit für wenige Tage (oder auch mal wenige Monate) bis das Gehalt eingegangen ist – natürlich zu einem extrem hohen Zins.

Auch die Jahresgehälter sind hier deutlich geringer als in Deutschland. Ich arbeite hier glücklicherweise zu den gleichen Konditionen, die ich in Deutschland hatte. Meine Kollegen, die im Grunde den gleichen Job machen, verdienen aber deutlich weniger (schätzungsweise 30% weniger Grundgehalt und keinerlei Zusatzleistungen). Online habe ich mir aus Interesse ein paar Stellenausschreibungen angesehen und es war keine Seltenheit, z.B. für einen Vollzeitjob als Kundenbetreuer im Innendienst Jahresgehälter von 18.000 Pfund zu finden.

Fluktuation
Evtl. ist Punkt 6 auch ein Grund, warum es hier eine deutlich höhere Fluktuation gibt als ich sie in Deutschland erlebt habe. Während meiner sechs Arbeitsjahre dort, kann ich mich kaum an jemanden erinnern, der den Job gewechselt hat – ausgenommen Kollegen die in Elternzeit oder in den Ruhestand gingen. In meinen knapp zwei Jahren hier sind dagegen bereits sieben Kollegen zu anderen Firmen gewechselt.

Fazit

Auch wenn viele der genannten Punkte negativ klingen, so fühle ich mich hier insgesamt wohl. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich aktuell dazu tendiere, meinen Aufenthalt nach den geplanten drei Jahren zu beenden und wieder zurück nach Deutschland zu kommen.

Nachdem der Sommer 2018 entgegen aller Erwartungen sehr schön war und ich zu der Zeit neben meiner operativen Tätigkeit als Kundenbetreuer auch noch sehr in die Integration der neuen Kollegen mit eingebunden war, hat sich hier aber in den letzten Monaten alles in eine Richtung entwickelt, die mir nicht so sehr gefällt.

Das Wetter in diesem Jahr schlägt sehr auf mein Gemüt und meine allgemeine Stimmung (dieses Jahr hatten wir wenn es hoch kommt 14 Tage schönes Wetter, natürlich nicht am Stück). Darüber hinaus sehe ich mich selbst auf Dauer nicht in der Position eines Kundenbetreuers und sollte sich hier vor Ort keine andere Chance ergeben, schaue ich mich nach einer interessanteren Stelle am Hauptsitz in Köln um.

Auch der allgemeinen Wirtschaftslage in England im Falle eines No-Deal-Brexit sehe ich sehr negativ entgegen, dies wird sich meiner Meinung nach in höheren Lebenshaltungskosten widerspiegeln, welche wiederum meine Sparquote negativ beeinflussen wird.

Hatte der Umzug nach England demnach Auswirkungen auf meine Finanzstrategie, habe ich diese in irgendeiner Weise angepasst?

Grundsätzlich hat der Umzug keine Änderung meiner Anlagestrategie bewirkt. Die britischen Unternehmen, die ich in meinem Depot habe (BAT, Shell, in gewisser Weise Unilever) sind alles Global Player und nur wenig von der britischen Wirtschaft direkt beeinflusst. Zwei
von den Werten habe ich mir zwar ins Depot geholt, nachdem ich nach England gezogen bin – die Werte hätte ich aber genauso auch vorher gekauft.

Ich hatte mir durchaus überlegt, ein oder zwei weitere britische Werte ins Depot zu holen (z.B.Greene King, Ocado, Royal Mail) – allerdings nehme ich davon aufgrund der unklaren Lage bzgl. des Brexits und der Wirtschaftslage aktuell Abstand. Auch auf meinem englischen Bankkonto habe ich keine Reserven vorhanden.

Einen Teil meines Gehalts erhalte ich auf dieses Konto, von dem meine Ausgaben hier gedeckt werden. Den größeren Teil lasse ich mir auf mein deutsches Bankkonto überweisen, von dem aus ich dann entsprechend Aktien kaufe etc.

5 Replies to “Leben und investieren im BrexitChaos – Bericht von der Insel

  1. „Auch sonst fällt auf, dass die Menschen hier Wert legen auf Produkte aus Großbritannien, sei es Fleisch, Gemüse oder Bier.“

    Diese Beobachtung kann so pauschal nicht gegen die Statistik ankommen, dass GBR ein Netto-Importer von Lebensmitteln ist, d.h. wenn man z.B. das Regierungspapier zum Brexit liest, neben Medikamenten auch Lebensmittel teurer bzw. knapper werden würden.

    https://www.welt.de/wirtschaft/article190081185/No-Deal-Brexit-Diese-Lebensmittel-werden-kuenftig-knapp.html

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar!

      Natürlich gibt es hier auch ebenso viele Produkte von außerhalb der Insel. Und natürlich wird auch in Deutschland viel mit Produkten „aus der Region“ geworben. Was ich hiermit verdeutlich wollte: Auf unfassbar vielen Produkten steht „Made in Britain“ oder ein anderer Hinweis – und zwar auch auf Produkten, wo man es nicht erwartet oder es einem „egal“ ist (Mehl fällt mir da als erstes ein).

      Aber ganz klar hast du recht, sollte der harte Brexit kommen werden die Nahrugsmittel und andere Produkte teurer, das habe ich ja auch im Artikel am Ende hervorgehoben.

    1. Hallo Dieter,

      dazu möchte ich keine Empfehlung geben. Ich hatte Greene King (Betreiber von Pubs und Brauerei) auf meiner Watchlist, die ist durch ein Übernahme-Angebiot Anfang August um 50% nach oben geschossen und mir damit jetzt deutlich zu teuer.

      Es gibt sicherlich interessante GB-Aktien, aber wie ich schon im Artikel erwähnt habe, ich warte die aktuelle Lage und die Entwicklungen erst einmal ab.

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