Inkasso, Anwälte, Mahnverfahren – meine Erfahrungen als Gläubiger Teil 1

Hallo zusammen und ein gutes neues Jahr an euch !

heute möchte ich mal ein Thema aufgreifen, was ich bisher zumindest auf den Finanzblogs noch eher seltener (gar nicht?) zu Gesicht bekommen habe : Das Thema Inkasso / Schulden / Mahnverfahren  aus Gläubiger-Sicht. Damit erspare ich vielleicht einigen die selbst mal in die Lage kommen ein paar Probleme und vor allem hätte ich mir früher gewünscht vorher Antworten zu haben auf meine Fragen wie:

  • Welche Möglichkeiten gegen Schuldner vorzugehen gibt es?
  • Wozu braucht man einen Anwalt, wozu ein Inkassobüro wozu die Polizei?
  • Was kostet ein Anwalt der Schulden eintreiben soll?
  • Was kostet ein Inkassobüro das Schulden eintreiben soll?
  • Wo finde ich einen guten Anwalt und ein gutes Inkassobüro ?
  • Soll man eher zu seriösen Firmen oder eher Richtung „Moskau Inkasso“ gehen?
  • Was kann passieren im Inkassoverfahren?

Sichtwechsel: Inkasso und Schulden Eintreibung aus Gläubiger-Sicht

mahnverfahren

Mir geht es wie gesagt nicht um die übliche und oft gesuchte Verbraucherfrage  „Was tun wenn das Inkassobüro Geld von mir will?“ sondern ich möchte euch meine Erfahrungen aus Sicht des Gläubigers schildern. Also der der von jemandem noch Geld haben will 🙂

Das man hierüber eher weniger liest verwundert mich ein wenig. Sicher – als normaler Anleger und Sparer hat man – wenn überhaupt – eher auf der „falschen“ Seite damit zu tun. Man bekommt Drohbriefe von Anwälten und Inkassofirmen und steht angeblich irgendwo in der Kreide.

Doch gerade wenn es um die Themen Finanzielle Freiheit, Sparen, Vermögen aufbauen geht kommt doch fast zwangsläufig auch die (zumindest nebenberufliche) Selbstständigkeit dazu. Und wenn man etwas verkauft oder anbietet steigt die Chance doch deutlich, dass man einmal selbst einen Anwalt oder ein Inkassobüro anheuern möchte. Bisher sind Erfahrungsberichte und Tipps zu Anwälten und Inkasso – als Auftraggeber – aber auch in der Finanzblog-Welt eher Mangelware.

Ein Grund könnte die in vielen Fällen sicher ausgelagerte Abwicklung sein. Wer über Amazon verkauft sollte in der Regeln keine direkten Probleme mit seinem Kunden bekommen. Wenn dieser etwas zurücksendet dann kümmert sich Amazon darum. Klar ob die Rücksendung berechtigt war wird immer ein Streitthema bleiben aber ihr habt immerhin die Ware wieder. Und umgekehrt verschicken alle Dropshipping Dienstleister nur nach sicherem Zahlungseingang oder zumindest nachdem das Bonitätsrisiko an einen weiteren Anbieter abgetreten wurde.

Mein Einstieg in die Welt des Inkassos, der Anwälte und der gerichtlichen Mahnverfahren

anwalt

Um das zu präzisieren: Schreiben von Anwälten und Inkassofirmen habe ich leider auch (zu oft) schon vorher bekommen. Immer (aus meiner Sicht) unberechtigt (Abobetrug, Paypalverarsche etc…)

Handy-Business

Aber in die Verlegenheit mich selbst nach diesen Dienstleistern umzusehen kam ich als ich 2011 mein erstes kleines Geschäft „eröffnete“. Geschäftsmodell kurz gefasst : Ich bot die Miete von Handys übers Internet an. Man kam auf die Seite , suchte sich ein Handy aus & wählte den gewünschten Miet-Zeitraum. Da ich alles weitestgehend automatisieren wollte, hatte ich gleich verschiedene Zahlungsdienstleister integriert um die Zahlung zu verarbeiten. Ich dachte damals eine Vorauszahlung des Mietbetrages würde mich ausreichend gegen Betrüger absichern. Leider eine Fehleinschätzung.

Gleich die ersten beiden Miethandys kamen nicht zum vereinbarten Termin zurück. Auch nach einer Erinnerungs-Mail nicht, auch zwei Wochen später nicht (Spoiler: bis heute nicht)

Ich hatte jetzt also die Mieteinnahmen von 25 € auf dem Konto gegen zwei Handys im Wert von 400 € „getauscht“. Kein tragfähiges Geschäftsmodell soweit 😀

Kinderspiel…

Damals war ich noch sehr optimistisch. ich hatte ja die Versandadressen der Personen, hatte indirekt sogar die Bankdaten (wurde über Sofortüberweisung und Paypal bezahlt). Es gab klare Mietbedingungen und die Typen waren damit am Arsch.

Auf eigene Faust

Also machte ich mich an die „Eintreibung“ meines Geldes. ich schrieb einen Brief in feinster Inkasso-Manier, rechnete die mir entstandenen Kosten zusammen , kündigte weitere „kostenpflichtige“ Schritte an und setzte ein knappes Zahlungsziel. Diese Schreiben gingen per Einschreiben an die Versandadressen. Zusätzlich versendete ich an die Paypal-Adresse eine Zahlungsaufforderung.

Gespannt wartete ich auf den verzweifelten Anruf meiner Schuldner, auf ihre Flehen nach Erbarmen angesichts der eindeutigen Rechtslage. Doch keiner rief an, keine Mail kam und Geld natürlich auch nicht. Nichts passierte.

Spürt die Macht des Gesetzes!

gesetz

Das war etwas frustrierend aber jetzt wollte ich es Ihnen heimzahlen. „So nicht! Euch bringe ich hinter Gittern“ Das war so ungefähr meine Empfindung damals. Also dachte ich zuerst mal ein meinen Freund und Helfer in (damals noch) grün. Nur: Wo bringe ich das jetzt zur Anzeige? Onlineportale der Polizei zur Anzeige gab es damals noch nicht. Sollte ich jetzt mit den ausgedruckten AGBs, und den „Vertragsabschluss“-Mails zur örtlichen Polizeistation laufen? Darf ich das überhaupt? Was passiert dann ? Bringen mir dann die Polizisten meine Handys und das Geld zurück? Schwer vorstellbar aber ich hatte ehrlicherweise keine Ahnung.
Also biss ich in den sauren Apfel. Ich suchte einen Rechtsanwalt der sich mit „Onlineverträgen“ auskennt und der mir den richtigen Weg zeigen konnte. Idealerweise sollte er auch nahe beim „Schuldner“ sein um ggf. die Richtigkeit der Adresse zu überprüfen.

Mein erster Anwalt

anwalt

Da ich bisher noch nie selbst einen Anwalt beauftragt habe , hatte ich keine Ahnung an wen ich mich wenden sollte. Also schmiss ich Google an, sucht nach „Schulden Mahnverfahren Anwalt“ und dem Wohnort des Betrügers. Ich hatte Glück und fand darüber einen Anwalt den ich aus der Ferne beauftragen konnte. Alle Kommunikation lief sehr bequem per E-Mail , aber eine genaue Beratung zur weiteren Vorgehensweise kostet natürlich. Der Anwalt arbeitet ja nicht für die Wohlfahrt. Aber hey- das kann man ja alles irgendwie den Kriminellen in Rechnung stellen. Und die habens ja so gewollt – jetzt wirds halt noch teurer für sie. Oh sweet Summerchild ….^^

Ich trat also in Vorleistung und überwies dem Anwalt knapp 100 € um „eine erste Einschätzung“ zu unternehmen.

Einschub: heute würde ich das anders machen. Auf dem Portal advocado kann man bequem und kostenlos! seine Informationen zum Fall einstellen und bekommt eine kostenfreie Erstberatung durch einen der vielen Anwälte dort. Bei weitergehendem Bedarf erstellt der Anwalt dann ein Angebot. Alles läuft nachvollziehbar und transparent über das Webportal. Aber das gab es damals leider noch nicht. 

Erste Beratungsergebnisse:

  • Anzeigen bei der Polizei : Ja kann man machen aber ob und wann da was passiert – da traut er sich keine Einschätzung.
  • Die Polizei bringt im allerbesten Fall die Handys als Diebesgut zurück. Die entstandenen Kosten muss ich mir so oder so auf zivilrechtlichem Weg zurückholen.

Also auf ans Werk. In der Zwischenzeit wurde ich auch direkt um ein drittes Handy betrogen. Hier gab ich die Sache nach einem ersten Mahnschreiben meinerseits auch direkt an den Anwalt.

Außergerichtliches Verfahren:

  1. Der Anwalt schreibt erneut einen Brief an die säumigen „Kunden“. Darin wird der Kunde mit Fristsetzung zur Zurückgabe des Handys aufgefordert.
  2. Der Kunde wird informiert, dass die  Kosten für den „weitergehenden Schadenersatz“ nach Rückgabe des Handys berechnet werden und er gut daran täte dies schnell zu tun um weitere Kosten zu vermeiden.
  3. Der Kunde wird darüber informiert, dass man (Anwalt) dem Auftraggeber (Mir) raten wird Strafanzeige zu stellen.

Na jetzt müssen die aber wenn schon Post vom seriösen Anwalt kommt…. denkt sich der unwissende Handyvermieter ^^. Pustekuchen. Die Frist verstreicht, kein Handy, kein Anruf, kein Garnichts.

Immerhin hat der Anwalt auch etwas Arbeit investiert , die Beziehungsverhältnisse bei zwei der Schuldner ermittelt (waren mal verheiratet, Frau ist ausgezogen, neue Adresse rausgefunden etc… Bin beeindruckt 🙂 ) Sogar ein Bild des Klingelschildes der Lieferadresse hat er mir geschickt. (Heute wahrscheinlich wegen DSGVO ein No-Go 😉 )

Ich fühle mich also erstmal gut aufgehoben bei diesem Anwalt.

Jetzt geht´s in die Vollen. Gerichtliches Verfahren & Strafanzeige

gerichtsverfahren

Der Anwalt erhebt nun also in meinem Namen Klage gegen die ersten 2 Schuldner beim zuständigen Amtsgericht.

Er fordert :

  • Eine Verurteilung zur Herausgabe der Handys
  • eine Verurteilung auf Erstattung der bisher entstandenen Mietausfälle sowie weiterer Kosten (knapp 300 €)
  • eine Verurteilung zur Erstattung einer täglichen Nutzungsentschädigung von 6 € bis zum Tag der Herausgabe des Handys
  • dem beklagten die Kosten des Verfahren aufzuerlegen.
  • das Urteil für vorläufig vollstreckbar zu erklären.

Diesen Forderungen fügt er eine 3-seitige Begründung sowie diverse Belege (Rechnung, Mails, Zahlungsbeleg, DHL-Annahmevermerk etc) bei.

Des Weiteren stellt er , ebenfalls mit langer Begründung Strafanzeige gegen alle 3 Schuldner bei der jeweils zuständigen Polizeidirektion wegen aller in Betracht kommender Straftatbestände, insbesondere wegen des Verdachts des Betruges sowie der Unterschlagung.

Ich bin ein weiteres mal beeindruckt – ahne aber auch das sich mein Anwalt das ganze gut bezahlen lassen wird.

Zwischenrechnung vom Anwalt – AnwaltsKosten übersteigen erstmals Verlust

Die Rechnung folgt auch prompt am nächsten Tag. Für die bisher unternommenen Schritte werden 300 € fällig , für die ich in Vorleistung treten muss. Ich bin noch immer optimistisch, dass ich mir das alles mit Zinsen wieder zurückholen werde. Zu diesem Zeitpunkt hat mich der Anwalt bzw. die Verfolgung der Schuldner aber schon mehr gekostet als ich durch die beiden Handys verloren habe.

Die Mühlen der Justiz mahlen schneller als gedacht : Erfolg (?)

erfolg

Aber schon nach knapp 2 Monaten erreichen mich zwei sehr schöne Nachrichten von meinem Anwalt.

  • Beim dritten Beklagten wurde wegen anderer, schon länger laufender Betrugs-Ermittlungen eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Dort wurde auch ein Handy gefunden, welches man anhand der IMEI mir zugeordnet hat. Da es sich um ein Beweisstück handelt bekomme ich es leider erstmal nicht. Aber immerhin liegt es jetzt sicher bei der Polizei.
  • Das Amtsgericht hat im Verfahren gegen Schuldner 1&2 ein Säumnisurteil gefällt. Zwar wurde nur einer von 2 Beschuldigten verurteilt , dafür aber in allen Punkten.

Jetzt hab ich also auch ganz offiziell richterlich Recht bekommen. Ich stelle euch das Urteil mal anonymisiert online für die die es interessiert.

Urteil Schulden

Jetzt geht alles ganz schnell – bald habe ich mein Geld + Anwaltskosten und Zinsen wieder und die Penner haben Ihre Lektion gelernt …oder?

Weiter geht´s in Teil 2 : Muskelmann Inkasso oder Gerichtsvollzieher
Und hier ist Teil 3: Erfahrungen mit Hausbesuch Inkasso und seriösem Inkasso

——

Und falls du aktuell auch Probleme mit Schuldnern hast oder anderen rechtlichen Klärungsbedarf , ich binde mal ein Widget ein mit dem man direkt eine wirklich kostenfreie Ersteinschätzung durch einen fachkundigen Anwalt einholen kann. Damit erspare ich hoffentlich manchen die stundenlange Google-Suche inkl Anmeldung bei diversen Portalen , nur um dann festzustellen das die Anfrage dann doch nicht kostenlos möglich ist.

Keine versteckten Kosten , kein Abo – Penningfuxer getestet 😉

 

4 Replies to “Inkasso, Anwälte, Mahnverfahren – meine Erfahrungen als Gläubiger Teil 1

  1. Klasse Artikel, hab auch sehr viel geschmunzelt 🙂

    Hast Du denn dieses Business immer noch am laufen oder bist Du geheilt?

    Freue mich auf Teil II.

    Schöne Grüße Daniel

    1. Guten Morgen Daniel,
      Danke 🙂

      Nach dem die eindeutigen Probleme bei diesem Geschäftsmodell sehr schnell offenbar wurden habe ich alles umgestellt und nur noch an Unternehmen vermietet. Das lief auch relativ gut.

      Dann kam ich allerdings an den Punkt , dass die Anfragen immer mehr und immer neuere Handys forderten ( „100 x Iphone neuste Generation bitte für 1 Woche“ ). Und das konnte ich dann immer öfter nicht mehr bedienen. Das Risiko so viel Kapital in Hardware zu investieren, die dann nach 6 Monaten wieder „veraltet“ ist war mir aber auch zu hoch.

      Schlussendlich wurde meine Internetadresse von einem größeren Mitbewerber (der diese Großkunden auch bedienen konnte) übernommen und ich stellte den Handy-Mieten betrieb ein.

      mfg
      Oli

  2. Hallo Oli,

    sehr interessanter Beitrag und echt mal was anderes in der Finanzblogger Welt. Hast du nach dem ganzen dir Gedanken über eine Rechtsschutzversicherung gemacht?

    Ich freue mich schon auf den zweiten Teil und finde das super wie offen du über die ganzen Themen schreibst. Bitte mach weiter so!

    Ach, und danke für den Tipp mit dem Anwalte-Portal.

    Gruß,
    Gerrit

    1. Hey Gerrit,
      danke 🙂 Wie das mit Versicherungen immer so ist: Man macht sich erst Gedanken wenn man eine braucht. In den angesprochenen Fällen wäre das eine Versicherung die Vertrags-Rechtsschutz abdeckt. Und da haben alle eine Wartezeit von 3 Monaten nach Abschluss.
      Und ich bin mir darüber hinaus nicht sicher ob man die Selbstbeteiligung wieder bekommt wenn man „gewinnt“ oder ob die auf jeden Fall flöten geht.

      Aktuell habe ich keinen Fall „offen“ , hätte also Zeit eine abzuschließen. Aber irgendwie möchte ich mir nicht noch eine Versicherung ans Bein binden – daher vorerst mal nicht ^^

      mfg
      Oli

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